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Krumme Touren 1
Rund um den Starnberger See
Krumme Touen 2
Salzkammergut
Renate Just auf «krummen Touren»
Reisen in die Nähe, in Provinzen, die wir von unserer eigenen Provinz ableiten zu können glauben, sind Seelenarbeit. Die Gegend mag anders sein, die Kleinstadt unvertraut, aber sonst ist alles wie da, wo wir als Kinder ein Paradies gefunden, als Halbwüchsige von der Flucht geträumt, als Erwachsene nie wieder haben leben wollen. Bei aller Liebe. Besonders in Deutschland fühlen sich sensiblere Zeitgenossen fortwährend an Deutschland erinnert, und in der Tat herrscht da, wo es anerkannt schön ist, ausser vielleicht im hohen Norden, die Geschmacksdiktatur des «Musikantenstadls», seit etlichen Jahren nun auch in der gehobenen Variante des sogenannten Landhausstils. Dieses Land, das über Naturwunder für jede Gemütslage und grosse Kunst in kleinsten Weilern verfügt, scheint fest in der Hand der Heimwerker, Protzer, Flachst-Idylliker und City-Möblierer. Es langwierig zu bereisen, gilt als spiessig und rentnerhaft, selbst bei Ballermännern, die ein gebrochenes Verhältnis zur deutschen Geschichte und Mentalität nicht geltend machen können, vielmehr sich stolz zu einer Kultur bekennen, von der sie keinen blassen Schimmer haben.
Für sie, für alle Gewohnheitsteutonen, für Fun-Weekendler und sportive Landschaftsvernutzer dürfte das Hand- und Lesebuch der Reiseschriftstellerin Renate Just ein Buch mit sieben Siegeln sein. «Krumme Touren» heisst es, und seine Adressaten sind die ewig Zwiespältigen, die Heines «Wintermärchen» auf der Zunge tragen und im Herzen (wie dieser) die Sehnsucht nach einem Deutschland, mit dem sich ins Reine kommen liesse. «Entreissen» müsse man den «Verhunzern und ihrer Gefolgschaft die Bilderhoheit über Stadtlandfluss hiesiger Gefilde», ruft die Autorin ihren Lesern zu, bevor die mäandernde Fahrt durch einige Regionen Süddeutschlands beginnt: die «Peripherie» von Nürnberg mit Erlangen, die Fränkische Schweiz, das Alpenvorland mit Starnberger See, Tölz und Pfaffenwinkel, schliesslich die tourismusfreien Zonen nördlich von München, Holzland, Holledau, Donaumoos und MUC und MAC, wie offiziell die Einzugsregion des neuen Grossflughafens bei Erding bezeichnet wird. Gegenden allesamt, die sich eng mit der Biographie Renate Justs verbinden – Franken ist «Kindheitsland», ein paar Jahre hat sie im Pfaffenwinkel gelebt, eine missliebige Städterin, die der Verstädterung ihres Dorfes nicht kommentarlos zusehen mochte, und ihr heutiges Zuhause liegt unweit Altöttings, «in einer Art Sack, den Oberbayern nach Niederbayern hineingestülpt hat», dem herben und flachen Werktagszipfel eines Regierungsbezirks, «den alle Welt mit Lüftlfassaden und Alpenblick assoziiert».
Sie war überall lang und oft genug, um das Schöne im Spröden und selbst in den abgeweidetsten Gründen «das nuancenhaft Andere» zu entdecken: die letzten beinah unberührten Dörfer, letzten echten Gasthäuser, letzten echten Läden, «in denen eine gegen Schulkinder gewappnete Kittelmatrone ihren Ladentisch bewacht», und natürlich Strässlein, Kirchen, Landschaftsflecken, in die sich kaum je ein Fremder verirrt und wenn, dann keine übertriebene Servilität zu erwarten hat: «Mia samma ganz für die Einheimischen gedacht», sagt die Gemischtwarenhändlerin im fast noch intakten Hochtal der Jachenau östlich vom Walchensee.
Als kritische Heimatkundlerin kennt Just die Querköpfe und Unbestechlichen, und nie entgeht ihr die «andere» Geschichte – oder Seite der Medaille: die jüdischen Spuren, die «klein winzige [. . .] Kristallnacht» eines fränkischen Dorfs, die Elendsgeschichte der Müller in der Fränkischen Schweiz, die «Kaltherzigkeit» einer verspeckten oberbayrischen Gemeinde gegen Behinderte. Auch, ja gerade da, wo nicht Naturzerstörung, «gezinkte Traditionshuberei», «Chichi»-Folklorismus, ein toter Sonntag in steril konservierter Kleinstadtkulisse Trauer über den Verlust des Authentischen auslösen, erheben sich die deutschen Schatten. Und sie tun es nicht pflichtschuldigst, sondern zwingend. Schon aus diesem Grund wären die «Krummen Touren» als «alternativer Reiseführer» nur unzulänglich charakterisiert, wiewohl eine grosse Zahl praktischer Hinweise im Text und die strengen Serviceteile, in denen nur das unverfälscht Bodenständige und das stilsicher Exklusive Gnade erfahren, den einschlägigen Gebrauch empfehlen: Sie sind Reflexion einer Education sentimentale, Seelenarbeit einer Deutschen in ihrer Landschaft, «Selberlebensbeschreibung» mit Nutzeffekt.
Renate Just ist eine Verstrickte, ihr Schreiben immer passioniert und mitunter – in den essayistisch geschlossenen Partien, in der Zwiesprache mit einer Plastik oder einem Altarbild und da, wo ihr erzählerischer Atem mit dem einer unspektakulären, stillen Gegend geht – literarisch. Ihre durch leise Ambivalenzen abgetönte Liebeserklärung an die Salzachstadt Burghausen, ihr Streiflicht auf den depressiven Walchenseemaler Lovis Corinth, ihr launiger Spaziergang durch Altötting, ihre irrlichternde Miniatur von Bayerns «heiligem Berg» Andechs mit seiner riesigen Bierschwemme und dem «nervtötenden Medienmönch» Anselm, «gwamperter Gesellschaftslöwe unter den Benediktinern, ein klerikaler Rudolf Mooshammer», schliesslich das erschütternde Lebensbild der Marie-Luise Fleisser in Ingolstadt sind Glanzstücke. Doch fordert die emotionale Gemengelage auch ihren Tribut: Die Ambivalenzen der Autorin gegenüber ihrem Gegenstand «Provinz» lösen sich nicht im konkreten Für und Wider. Es ist ihr eine Spur zu wichtig, nicht missverstanden zu werden.
Ihre verbalen Attacken auf «Jodelspiessertum» und Freizeitschickeria nebst ihren auf südlichen Inseln hirnlos bratenden Aussenposten sind amüsant zu lesen, aber sie kommen doch häufiger als nötig. Die Ironien und Flapsigkeiten, mit denen sie emphatische Augenblicke zu kontrapunktieren pflegt, lassen oft eher an ein dekonstruktivistisches Pflichtprogramm denken als an natürliche Spannungsauflösung. Störend sind die gelegentlichen Absacker in einen aufgekratzt juvenilen Ton (also, äääh, ätsch, mampfen, Normalovolk, coole Gewandung), der kein bisschen weniger abständig erscheint als die dörflichen Fremdenzimmer mit ihren «gewulsteten grossmusterigen Möbelmarkt-Zweisitzern» und «Fichte-Klarlack-Betten».
Renate Just liebt die Provinz, manchmal auch ihr Spiessiges, aber sie beargwöhnt diese Liebe. Das Gleichgewicht von Nähe und Distanz scheint noch nicht ausgependelt, die «Bilderhoheit» noch nicht ganz gewonnen. Das nächste Buch, am liebsten über den Chiemsee und vielleicht die Oberpfalz mit Regensburg, wünschen wir uns so kultur- und sozialgeschichtlich aufschlussreich und frisch erzählt wie dieses, aber frei von den stilverderbenden Selbstquälereien einer aufgeklärten Landbewohnerin, die noch gar zu sehr um ihr Up-to-date-Sein, um ihre kritisch-urbane Zuständigkeit zu bangen scheint.
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